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24. September 2003, 19:04 Uhr, makrele

Von Swingerpaaren und PACE-Fahnen

Im Frühherbst, also wenige Meter hinter dem Sommer, schalte ich gerne mal den Fernseher ein. Ich suche die Fernbedienung, finde sie Stunden später auch schon, hat sich wieder in der Kühltruhe versteckt, die feige Sau. Ich ergreife sie, die Fernbedienung, denn ich will mich jetzt weiterbilden. Ich will einen FilmFilm sehen. Früher, so erzählen die Alten im Dorf, habe man so was noch Spielfilm genannt. Ha, ihr Alten! Früher hat man auch noch gekegelt, nicht gebowlt und Sirup verlieh noch keine Flügel. Begreift doch endlich, dass sich die Menschheit rasant und in hohem Grade weiterentwickelt! Ihr seid für den Frieden auf die Tramgeleise gesessen? Ich bitte euch: Wir hängen eine zehnfränkige PACE-Fahne unters Fenster, ehe wir uns Nike-Turnschuhe kaufen gehen. Das nenne ich Protest! Ihr habt auf der Strasse Unterschriften gesammelt gegen die Kernenergie? Wir schalten unseren Laptop ein und lassen unseren Namen via Auto-Fill ins Sammel-E-Mail klatschen. Das ist Widerstand! Das ist Aufruhr! Deshalb, liebe Alten da draussen, kommt mir jetzt nicht mit Spielfilm – das ist für Nostalgiker. Die scharfsinnigen Denker in den TV-Programm-Büros habens erkannt: Wir brauchen stärkere Drogen. Und weil die Menschen vom Fernsehen, zum Beispiel Richterin Barbara Salesch, viel näher an der Wahrheit dran sind, will ich das bedingungslos glauben.

Ein FilmFilm ist für mich gerade gut genug. Eigentlich bevorzuge ich ja einen «Giga-Film-der-Woche» oder ein «Movie-Event des Monats». Am meisten stimuliert mich eine «absolute Free-TV-Premiere». Fehlts an einem solchen «Megahappening», bekomme ich Schweissausbrüche. Nervös zappe ich mich durch die Kanäle. Verdammt. Nun da sie mich angefixt haben, können sie mich doch nicht hängen lassen, die Leute vom Fernsehen. Tun sie nicht, denn sie wissen, wonach ich verlange. Ich brauche Führung, ich will etwas lernen fürs Leben. Mir wird geholfen: Bei Lilo Wanders erfahre ich, dass ich mich nicht schämen muss, wenn ich mir eine Gasmaske überstreife, gleichzeitig die Genitalien pierce und dazu mit übergewichtigen Paaren (Günter und Hannelore, Axel und Jessica) in der Sauna rumswinge. Und dank Stefan Raab lerne ich an diesem lehrreichen Abend, dass wir uns heutzutage über alles lustig machen dürfen nur nicht über ihn selber. Deshalb will ich Stefan Raab ausdrücklich nicht als selbstgefälligen Kindskopf mit Nussknacker-Grinsen bezeichnen, zumal das Richterin Barbara Salesch gar nicht goutieren würde und mich Bärbel Schäfer umgehend in ihre Sendung einladen müsste. Thema: «Ich bin 12, schwanger, und habe einen Freund der aussieht wie die Achselschweissflecken von Stefan Raab.» Apropos Schweiss. Meine Fernbedienung hat sich wieder in die Kühltruhe gelegt, gleich neben die PACE-Fahne. Ich habe mich entschieden, sie dafür nicht zu bestrafen. Die Glotze schalte ich aus – ohne Fernbedienung kann ich nicht von diesem öden ARTE-Dokumentarfilm über Kriegsgefangene in einem bosnischen KZ wegzappen.

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21. August 2003, 22:45 Uhr, makrele

Ein See für Basel!

Aha. Nach Zürich und der Romandie hat nun auch das Dreieck Basel-Strassburg-Freiburg den Christopher Street Day für sich entdeckt. Schwule und Lesben fordern ihr verdientes Recht ein, gleich zu sein wie alle – abgesehen vom Rumfummeln an gleichwertigen Genitalien, natürlich. Obacht, höre ich Mutter sagen. Sex, darüber wollen wir hier nun mal nicht sprechen. Nicht bei der ersten Kolumne. Muss ja noch Steigerungspotenzial drinliegen. Deshalb lassen wir das Poppen beiseite, die homoerotische Komponente auch. Reden wir lieber mal übers Wetter. Ist Ihnen auch aufgefallen, dass Basel bei den nationalen Hitzerekorden immer ganz vorne mitmischt? In der nördlichsten Schweizer Stadt klettert das Thermometer oft über 30 Grad, Vergleiche mit mediterranen Orten wie Locarno sind angebracht.

Meine Freude darüber ist so getrübt wie der Blick nach 17 Tuben Terpentin. In Locarno lässt sich die Erhitzung des Körpers gelassen ertragen, denn der Ort der Abkühlung ist ebenso prächtig wie das Klima: Der Lago Maggiore lockt zum Schwumm. Zürich, Genf, Luzern – sie alle haben einen See vor der Haustür. Diese Aussicht bleibt uns in Basel vorenthalten.

Hier schiebt sich stattdessen der Rhein als dunkle Brühe zwischen den Stadthälften hindurch. Das ist kein sexy Bade-Brand, wie Werber sagen würden. Sie haben Recht. Einen gemütlichen Plantsch-Menschen wie mich reisst da weniger die Euphorie als die Strömung mit. Oder um es pathetisch auszudrücken: Die reissenden Wassermassen führen uns die schnelllebige Zeit vor Augen, wohingegen sich uns mit einem See neue Horizonte und Perspektiven eröffnen würden. Züri hat den Film am See. Uns bleibt gerade mal das Kino am Pool. Es ist frustrierend. Das stille Gewässer schafft Kontakte zu Mitmenschen, animiert zum Genuss der Leichtigkeit des Seins, zur Muse, sei es in der 17-Meter-Yacht oder am steinigen Strand. Selbst dem einzigen Nachteil, den ein See mit sich bringt, liesse sich etwas abgewinnen: Endlich dürften wir uns ganz legal benebeln lassen. Aus all diesen Gründen steht mein Beschluss fest:

Ich fordere einen See für Basel!

Winterthur hats vorgemacht. Vor Jahren wurde mittels einer Volksinitiative ein See gefordert. Zwar erwärmten sich nur ein Viertel der Bevölkerung für die Idee, aber was heisst das schon? Winterthur erhebt lediglich Anspruch darauf, eine Kleinkunst- und nicht eine Kulturstadt zu sein. Deshalb ist Basel verpflichtet, meine just lancierte Petition gutzuheissen. Da es mir nicht darum geht warme Luft, sondern kühles Nass zu verbreiten, hier also mein konkreter Vorschlag: Der See wird temporär eingesetzt. Zum Beispiel auf einer der Baustellen rund um den Bahnhof SBB. Man würde die Löcher, die gerade nicht beackert werden, mit Wasser füllen - et voilá, die neue Touristen-Attraktion. Netter Nebeneffekt: Der Baggersee lenkt die Blicke der Touris von der städtischen Baustellenflut ab. Vielleicht wären gar mehrere Seen die ultimative Lösung? Stellen sie sich die Plakate vor: «Basel - diese Stadt müssen Sie geSeen haben.» Okay, der Slogan ist billig. Aber billig ist für die Werber gerade gut genug. Und mit einer solchen Kampagne im Rücken liesse sich der Region Biel gar die Expo wegschnappen! Wie? Die war schon? Das kann ja jeder behaupten. Darum helfen Sie mit. Sammeln Sie Wasser und Unterschriften. Jetzt. Besten Dank.

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18. August 2003, 16:31 Uhr, makrele

hextril

draussen ists heiss wie die hölle, in meiner bude gar höllisch heiss - und was fällt meinem rachen ein? er brennt wie die sau. halsweh. kann kaum schlucken, geschweige denn rauchen oder klar denken. und nun, ausgerechnet heute, wo ich eh nicht sprechen könnte und mein anrufbeantworter mal sein geld wert wäre, ruft mich niemand an. kein schwein. nicht mal eine dame, die mir eine enzyklopädie über inzucht im wallis andrehen möchte. das macht mich traurig. wo hab ich den strick hingelegt?

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18. August 2003, 08:00 Uhr, makrele

Beck

Hab gestern den letzten von vielen wunderbaren Konzertmomenten, die mir dieser Sommer beschert hat, erlebt. Beck präsentierte seine konstruierte Anarchie im römischen Amphitheater in Avenches. Es tut so gut, wenn einem ein Quergeist seinen eigenen Wahnsinn so unterhaltsam vor Augen führt. Das macht Mut. Ich bin nicht allein. Den Strick lege ich wieder beiseite. Nein, noch besser: Ich benütze ihn nun für ausgeklügelte autoerotische Sexpraktiken. Spass muss sein, auch ganz allein...

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